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Wieso ein Leitbild? 

„Nachhaltiges Wirtschaften“ ist in aller Munde und viele Unternehmen sowie Organisationen berücksichtigen in ihrem Handeln neben ökonomischen mehr und mehr soziale und ökologische Themen. Gründe dafür sind neben der inneren Überzeugung und einer sich wandelnden Grundhaltung auch die äußeren Anforderungen wie das 1,5-Grad-Ziel, die Nachfrage der Kundinnen und Kunden oder die Ziele für eine nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (SDGs).

Doch wie wollen wir „nachhaltiges Wirtschaften in der Region Leipzig verstehen und was können wir hierfür von den vielen hundert Unternehmen in Deutschland lernen, die nachhaltiges Wirtschaften bereits erfolgreich umsetzen? An welchen Handlungsempfehlungen können sich Unternehmen, Kommunen, Politik und Verbände sowie die Bürgerinnen und Bürger vor Ort in Leipzig orientieren, um Schritt für Schritt nachhaltiger zu wirtschaften?

Die Herausforderungen wie u.a. Fachkräftesicherung, Klimaschutz und Aufbau krisensicherer Lieferketten sind vielfältig und sind für verschiedene Branchen und Marktteilnehmende unterschiedlich. Vor diesem Hintergrund müssen sich zum einen die Rahmenbedingungen des Wirtschaftens ändern, zum anderen gibt es auch viele Maßnahmen, die sehr schnell bzw. mit vertretbarem Aufwand umsetzbar sind und dennoch einen großen Unterschied machen. Die Eigenverantwortung und Freiheit im wirtschaftlichen Handeln ermöglichen es, dieses mit Flexibilität und Innovationskraft stärker als bisher auf ein gutes Leben aller auszurichten.

Das Forum Nachhaltiges Leipzig will mit dem Leitbild für nachhaltiges Wirtschaften für ein ökonomisch, sozial und ökologisch nachhaltiges Wirtschaften zum Wohle aller interessieren, mit Handlungsempfehlungen Orientierung geben und Impulse für zielgerichtete Gespräche und aktives Handeln setzen. 

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Was bedeutet nachhaltiges Wirtschaften allgemein? 

Nachhaltiges Wirtschaften bezeichnet ein Wirtschaften, das im Rahmen von natürlichen und sozialen Grenzen die Bedürfnisse heutiger Generationen berücksichtigt, ohne die Bedürfnisse zukünftiger Generationen zu gefährden.

Dabei stehen die Interessen und Ziele der Wirtschaftsteilnehmenden vor dem Hintergrund begrenzter natürlicher Ressourcen und dem Streben nach guten Lebens- und Arbeitsbedingungen für alle oftmals in Konkurrenz zueinander. Nachhaltiges Wirtschaften erfordert einen ständigen Austausch und eine Abwägung unterschiedlicher Belange im gemeinschaftlichen Dialog. Prämisse aus Perspektive der Nachhaltigkeit ist, dass wirtschaftliches Handeln immer Mittel zum Zweck, nämlich dem Wohle aller - auch zukünftiger Bürger:innen und Lebewesen ist.

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Woran erkennt man nachhaltiges Wirtschaften und an welchen Aktivitäten kann man sich orientieren?

Nachhaltiges Wirtschaften zeigt sich in den fünf Handlungsfeldern Strategie, Ökologie, Sozialem, Ökonomie sowie Mitbestimmung und Transparenz. Dieses Leitbild beschreibt nachhaltige Handlungsweisen aus allen fünf Feldern. Es ist bewusst ambitioniert und umfassend angelegt, um allen Organisationen Innovations- und Entwicklungsimpulse für nachhaltiges Wirtschaften zu geben - denen, die erste Schritte machen und denen, die wegbereitend schon vieles umgesetzt und erreicht haben. Natürlich beeinflussen das Marktumfeld, die Branche, die Kenntnisse und die Ressourcen jeder Organisation und jedes Unternehmens die Entwicklungsmöglichkeiten nachhaltiger zu wirtschaften und erlauben ganz individuelle Lösungen. Dennoch sollten möglichst alle Handlungsfelder berücksichtigt, stetig verbessert und nicht einige Teilaspekte zugunsten anderer vernachlässigt werden.

Unternehmen, Kommunen und Verbände in der Region Leipzig wirtschaften dann nachhaltig, wenn sie aktiv und nachvollziehbar ihr Handeln zunehmend an folgenden Leitlinien ausrichten: 

A Strategisches Handeln

  1. Sie entwickeln eine an Gemeinwohl-Werten, wie Menschenwürde, Solidarität, Gerechtigkeit, Transparenz und ökologischer Verantwortung orientierte Vision und Strategie für ihr Unternehmen oder ihre Organisation.

  2. Sie analysieren regelmäßig Verbesserungspotenziale und setzen sich jährliche Verbesserungsziele im Bereich nachhaltigen Wirtschaftens.  

  3. Sie setzen sich aktiv für Veränderungen von Rahmenbedingungen und Branchenstandards für mehr gemeinwohlorientiertes, nachhaltiges Wirtschaften ein und gehen mit Ihrem Handeln über die gesetzlichen Mindeststandards und Vorgaben hinaus.

  4. Sie richten ihre Produkte, Dienstleistungen und dafür nötige Marketing- und Vertriebsmaßnahmen auf einen genügsamen und ressourcenschonenden Lebensstil aus. 

  5. Sie berücksichtigen neue Erkenntnisse aus Forschung und Entwicklung bzw. tragen durch eigene organisatorische, technologische und soziale Innovationsprozesse zur Verbesserung der Handlungsmöglichkeiten und Rahmenbedingungen nachhaltigen Wirtschaftens bei.

B Ökologisches Handeln  

  1. Sie reduzieren ihren Ressourcen-, Stoff- und Flächenverbrauch sowie Schadstoffeintrag und Emissionen (u.a. Treibhausgase, Lärm, …) in die Umwelt. 

  2. Sie schützen und fördern biologische Vielfalt und das Tierwohl.  

  3. Sie reduzieren die Verwendung von Energie und nutzen erneuerbare Energien.  

  4. Sie verfolgen das Ziel des „klimaneutralen Wirtschaftens“ in der eigenen Organisation wie auch in der vorgelagerten Lieferkette.

  5. Sie sorgen für die Langlebigkeit, Reparierbarkeit, Wiederverwendbarkeit bzw. geteilte Nutzung ihrer Produkte und Dienstleistungen.  

  6. Sie verfolgen das Ziel einer Kreislaufwirtschaft, in der möglichst alle Stoffe in technischen Kreisläufen weiter genutzt oder wieder in natürlichen Kreisläufen aufgenommen werden können.

C Soziales Handeln 

  1. Sie zahlen Tariflöhne oder mindestens existenzsichernde Löhne.

  2. Sie setzen auf faire Beteiligung der Mitarbeitenden an der Wertschöpfung.  

  3. Sie schaffen vornehmlich sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse und vermeiden das sachgrundlose Befristen von Arbeitsverträgen und andauernde Leiharbeit.  

  4. Sie bilden Mitarbeitende aus und weiter. 

  5. Sie halten Arbeitsnormen und Arbeitsschutzbestimmungen ein, achten auf Gleichstellung und diskriminieren nicht.

  6. Sie achten in ihrer gesamten Zuliefer- und Wertschöpfungskette auf die Einhaltung sozialer Standards (z.B. ILO-Kernarbeitsnormen wie u.a. Vereinigungsfreiheit; Entgeltgleichheit; keine Zwangsarbeit, Kinderarbeit und Diskriminierung).

D Ökonomisches Handeln  

  1. Sie streben ausgeglichene Finanzbilanzen an und setzen auf langfristig tragfähige Finanzierungen.  

  2. Sie streben Betriebsgrößen, Marktanteile, Eigenkapitalquoten und Finanzierungsmodelle an, die weder marktbeherrschend noch krisenanfällig sind. 

  3. Sie nutzen und fördern lokale und regionale Lieferketten und sichern so regionale Wertschöpfung sowie eine faire Verteilung der Wertschöpfung in der gesamten Lieferkette. 

  4. Sie wirken auf langfristig stabile Preise und Beschäftigungsverhältnisse hin. 

  5. Sie betreiben keine Steuerhinterziehung oder grenzüberschreitende Steuervermeidungsstrategien und bezahlen Steuern.  

  6. Sie stehen für eine korruptionsfreie Wirtschaft. 

E Handeln für mehr Mitbestimmung und Transparenz  

  1. Sie stärken, fördern und fordern Information, Beteiligung und Mitbestimmung aller Interessensgruppen entlang ihrer Wertschöpfungskette – von Lieferantinnen und Lieferanten über Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bis zu Kundinnen und Kunden, Anwohnerinnen und Anwohner sowie die breite Öffentlichkeit. 

  2. Sie fördern demokratische Wahlen von Betriebsräten.

  3. Sie verfolgen eine nachvollziehbare Innen- und Außenkommunikation, berichten
    transparent über gesetzliche Mindestanforderungen hinaus über ihren Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung der Gesellschaft in den fünf Handlungsfeldern. 

  4. Sie berichten nachvollziehbar, möglichst extern überprüft über ihre Fortschritte beim nachhaltigen Wirtschaften. 

  5. Sie teilen aktiv Beispiele guter Praxis und Erfahrungen nachhaltigen Wirtschaftens mit anderen.